Schädeltrauma
2026-07-19 von frischnetz | Comments (0)
2026-07-19, Rantepao, Sulawesi: Wie geplant, hat Ritha uns heute um 9 Uhr eingesammelt und wir sind hinter ihr her mit unseren Scootern durch Nord-Toraja gerattertert.
Erster Stopp war ein direkt an einer Straße gelegener Friedhof, also eine Sammlung von Felsenlöchern und auch neueren Beton-Grabhäusern mit unter den Überhängen wachenden Tau Taus.
Auf dem weiteren Weg ging es langsam immer weiter die Reisterrassen hinauf. Auf vielen Feldern war die anstrengende Reisernte im Gange. Die Menschen schneiden die Gaben einzeln ab und binden sie zu Büscheln, die dann z.B. am Straßenrand getrocknet werden können. Maschinen können das nicht und könnten auch kaum auf den Reisterrassen eingesetzt werden, ohne alles zu zerstören.
Immer wieder sind wir dabei beim Weg durch diese traumhafte Kulturlandschaft an unzähligen sehr aufwändigen Dorfplätzen mit den berühmten Tongkonan mit ihren ausladenden Bambusdächern und den Holzschnitzereien vorbeigekommen. Die hügelige Landschaft ist voll mit Reisfeldern, kleinen Wäldern und Riesenbambus. Überall stehen Wasserbüffel, oft sehr weiß mit irren blauen Augen. Die Straßen sind oft gesäumt von roten Feuerpalmen (Cordyline Fructicosa) und winden sich um große runde Felsen herum und im Hintergrund stehen hohe grün bewaldete Berge, die von Wolken umhangen sind. Es ist kaum möglich zu beschreiben, wie hübsch das alles aussieht, gerade weil nichts davon extra für einen »Museumslook« eingerichtet wurde.
Einige von der Regierung als besonders wichtige und authentische eingestufte Plätze mit Tongkonan sind aber darauf eingerichtet, dass es Besucher gibt, sie sind extra ausgeschildert und nehmen einen kleinen Eintritt. Die sind aber tatsächlich kaum sehenswerte als all die anderen. Zwei davon haben wir auch besichtigt: Bendung Sa’dan To’Karau und Tongkonan To’Barana. An letzterem fand heute (Sonntag) ein lustiges Treffen einer älteren katholischen Frauengruppe statt, die mit lauter Mikrophon-Anfeuerung u.a. Ballontänze und andere Spiele gespielt haben – natürlich alle mit passender Uniform.
Dann ging es über kleiner, steiler und rauer werdende Straßen hinauf bis auf 1480m, wo es auch schon etwas frischer wurde. In Batutumonga, wo wir vor vier Jahren auch schonmal waren, haben wir in einem kleinen Resto Pause gemacht und Huhn in unterschiedlichen Zubereitungsformen verputzt.
Auf dem weiteren Weg kamen wir auch durch ein Dorf, in welchem bis gestern eine der größten und längsten Beerdigungen der letzten Zeit stattgefunden hat. Die Straßen waren noch gesäumt von temporären Bambus-Tribünen für die Hunderten Besucher. Der zentrale Ort war hier nicht der Platz, um den die Tangkonans stehen, sondern ein alter Opferplatz mit vielen hohen Menhiren. Einer wurde zum Gedenken der Toten auch neu errichtet, angeblich 15m hoch, wobei ein großer Teil aber in der Erde steckt. Angeblich wurden hier 120 Wasserbüffel geschlachtet. Einige davon kosten so viel wie ein Neuwagen, das war also eine sehr kostspielige Angelegenheit.
Der Boden des Opferplatzes war an einigen Ecken schwarz vom eingesickerten Blut der Tiere und es stank erbärmlich.
Schließlich ging es die schöne Strecke durch die Reisterrassen runter bis auf die Talsohle, etwas an Reisfeldern entlang (eine Strecke, die wir schon letztes Mal sehr schön fanden), dann aber wieder seitlich den Berg rauf zu einem kleinen Dorfplatz mit spielenden Kindern und Erwachsenen, die schwere Reissäcke in die traditionellen Reisspeicher gegenüber den Tongkonan wuchteten. All diese Gebäude, die man in einem Freilichtmuseum vermuten würde, sind weiterhin in pragmatischen Gebrauch.
Über einen kleinen Weg in den Wald, etwas eine Treppe hinauf, gab es eine riesige offene Felshöhle im Karsch-Haha-Fels, mit Stalagtiten und kleinen Nebenhöhlen. Die allein war schon sehenswert. Aber der Boden war voll mit Särgen in allen möglichen Zerfallsstufen, teilweise in Form von Büffeln oder Schweinen, teilweise mit Schnitzereien, alles nur grob angeordet, an vielen Stellen aber einfach kreuz und quer übereinandergestellt. Dazwischen überall eine Menge herausgefallener Schädel und Knochen in allen Zerfallsstufen, die oft irgendwie angeordnet wurden, meist aber auch einfach zwischen den Sägen lagen und Gefahr liefen, dass man drauftritt. Alles wurde leicht grünlich erleuchtet von der Nachmittagssonne, die durch die Bäume und Luftwurzeln in die große Öffnung schien. Ein toller Ort mit schön morbider Atmo, von dem man sich wünscht, dass er nie »aufgeräumt« wird.
Die Toraja glauben, dass sich die Geister immer noch in der Nähe ihrer Knochen aufhalten und teilweise nachts auf Wanderschaft gehen. Das glaubt man hier sofort.
Dann ging es nur noch zurück und wir haben abends noch einen kleinen Spaziergang durch die perfekt temperierte Luft zu einem Restaurant gemact, wo wir Schweine- und Büffelsteak gegessen haben. Es war OK (alles war sehr well done), der Büffel aber noch leckerer als das Schwein. Einige Kinder, die auf dem Bürgersteig gespielt haben, wollten unbedingt ein Foto von sich und haben sich weggeschmissen, als sie es gesehen haben.
Und natürlich haben wir noch für 50 Cent eine leckere Mango auf dem Markt gegessen und als Nachtisch gefuttert. So muss das. Ein sehr guter Tag!
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