Startbild

Welpenbummler

The blog formerly known as »Getürmt nach Hanoi«

Startbild

Welpenbummler

The blog formerly known as »Getürmt nach Hanoi«

Affocalypse Wow!

2024-08-03, Sandakan, Borneo: Den inzwischen einigermaßen getrockneten Leihwagen haben wir heute Vormittag zum Transport unseres Geäcks und unserer selbst zum #1 Roastery Café genutzt und ihn dann wieder ohne Gemurre und Geknurre vollgetankt abgegeben. Ein reichhaltiges Frühstück später sind wir dann wieder mit einem Grab Taxi zum Eingang des Orang-Utan-Centers gefahren, wo sich der Treffpunkt für die Fahrt zu unserer nächsten Station befand. 

Wir mussten – wie 19 andere Traveller aus aller Welt auch einen Stapel Geld abgeben, unsere Notfallkontakte hinterlegen und ankreuzen, dass uns klar ist, dass die nächste Unterkunft kein Nobelresort und auch kein Abenteuerspielplatz ist. Noch eine Unterschrift in Blut und schon wurden wir in zu kleine Minibusse gequetscht, während das Gepäck zurückblieb, der andere Wagen sei kaputt, man hole das schnell mit einem anderen Wagen nach. Okay, das alles war jetzt nicht so richtig beruhigend, aber wir alle bei einem alteingesessenen Anbieter gebucht haben, hofften wir, dass alles so korrekt abläuft.

Nach ca. 90 Minuten Gerüttel wurden wir in einem kleinen Dorf an einem breiten, Milo-farbenen Fluss abgesetzt und mit HiViz-Schwimmwesten (damit einen im trüben Wasser die Krokodile besser finden können) in 8-er Gruppen in offene, schmale Motorboote (vier kleine Bänke für je Zwei) gesetzt, die dann ziemlich flott (und laut) stromaufwärts knatterten. Das Wetter war gut, der Fahrtwind angenehm und da der Fluss keine Wellen hatte, die Fahrt an sich ganz nett. Am Ufer wurden der Dschungel dichter und alle paar hundert Meter stand ein weißer Reiher am Ufer und schaute uns leicht genervt an. Beim ersten waren wir noch angenehm überrascht, ihn zu sehen, aber bei den weiteren war uns auch klar, warum die alle genervt guckten. Es waren so viele, dass sie sich alle fragten: müssen die mich jetzt so anstarren, haben die noch keine Egrets gesehen, wir sind doch überall!

Bei einem kleinen Krokodil (von denen es in diesem Fluss wohl sehr viele gibt) hat der Driver dann auch kurz Pause gemacht und uns gucken lassen. Es ist aber schnell im Fluß verschwunden, ebenso wie ein großes, welches wir etwas später sahen. Da der Fluss gerade außergewöhnlich hoch ist und das Ufer überschwemmt hat, ist es zur Zeit allerdings schwieriger, welche zu sehen.

Nach ca. 90 Minuten kamen wir an unserem Luxus-Camp an: Eine Sammlung von ein paar an einem Holzsteg in den (ebenfalls überschwemmten) Wald gebauten »Hütten« (eigentlich eher eine halboffene überdachte Schlafplattform aus Holz mit Folie drüber, einer Rückwand in voller Höhe, halbhohen Wänden an den Seiten und keiner Tür). Vor dem Eingang gab es noch ein überdachtes Vestibül mit zwei Sitzbänken. Einzige Einrichtungsgegenstände waren Matratzen mit Moskitonetzen. Es geht eigentlich nicht simpler. Gemeinschafts-Toiletten und -Duschen waren in zwei kleinen Extrahäusern untergebracht (aber mit Türen.). Zum Duschen nahm man sich einen Eimer trübes Flusswasser mit ins Klo und kippte es sich mit einer Kelle über den verschwitzten Körper, während die Moskitos einen in den Allerwertesten pieken. Es ist absolut nicht ratsam, nach Einbruch der Dunkelheit zu duschen, weil die Lampen (oder die Kopflampe) natürlich diverses Fluggetier aus dem Dschungel locken, inklusive orangen »Killerwespen«, mit denen man sich nicht anlegen sollte.

Strom gab es nur zwischen etwa 18 und 0 Uhr. Natürlich gab es damit auch keine Ventilatoren, etc. Also liegt man schön schwitzend unter seinem Moskitonetz, während laute Tropfen auf das Blechdach knallen.

Es gibt auch noch eine große, überdachte Gemeinschaftsplattform mit Tischen, Stühlen und Sofas, wo gegessen wird, Briefings abgehalten werden und man auch ein paar Kekse und gekühlte Getränke kaufen konnte. Man hätte auch Fußball oder Badminton auf den improvisierten Plätzen spielen können, aber es war ein wenig zu heiß.

Als Futter gab es ein kleines Buffet von malaysischen Curries, mit Huhn, Rind oder Fisch, Reis natürlich und diverse Gemüsesachen. Alles ganz ok. Auch das Frühstück war asiatisch herzhaft mit getratenen Nudeln oder – besonders gut – fritierten Bananen. 

Das einheimische Team war ein stets lustige Truppe aus einer handvoll Jungs. Der Chef stammte aus genau dieser Gegend und kannte sich wirklich sehr gut mit der hiesigen Fauna und Flora aus. Abends wurde meistens irgendwann eine zeitweise sehr verstimmte Gitarre rausgeholt und besonders gerne »Zombie« von den Cranberries geschmettert. Wir haben uns aber auch gut mit den vielen anderen Leuten unterhalten, die aus Slovenien, Niederlande, Italien, Kirgistan, Irland und Frankreich stammten, unter anderem haben wir auch ein paar Runden das komplett bekloppte Kartenspiel »Spoon« gespielt. Es war eine wirklich ganz nette Runde.

Als Aktivitäten standen neben dem Moskitostichesammeln auch je eine nächtliche, eine abendliche und eine frühmorgenliche Ausfahrt auf dem Fluss, bzw, einem schmaleren Nebenfluss auf dem Programm. Meistens tuckert man dann langsam zick-zack am Ufer vorbei und schaut, ob man was interessantes sehen kann. Unser Guide war tatsächlich sehr gut im Animalspotting, so dass wir Nashornvögel, Kurzschwanz- und Langschwanzmakaken, Silvered Leaf Monkeys, unfassbar langarmige und wild herumturnende Gibbons und diverse dickbäuchige Nasenaffen sehen konnten. 

Bei einer nächtlichen Ausfahrt konnten wir den wirklich tollen äquatorialen Sternenhimmel bewundern und fanden schlafende Eis- und andere Vögel (die einfach regungslos auf einem schmalen Ast ratzen). 

Außerdem gab es tagsüber noch einen nachmittäglichen Junglewalk durch das nahe Unterholz, welches so von Mücken, Blutegel und anderen Viechern brummt, dass uns geraten wurde, Schuhe mit in die Socken gestopften langen Hosen und lange Ärmel zu tragen. Das war sicher sehr sinnvoll, aber auch sehr schweißtreibend bei über 30 Grad und tropischer Luftfeuchtigkeit. Dafür hat der Guide uns diverse Ameisen, Spinnen, Laternenkäfer, Eichhörnchen gezeigt, diverse schmackhafte Blätter zum Knabbern gegeben und gezeigt, welche Luftwurzeln man gut als Seilersatz verwenden kann, während man Moskitos abwehrt.

Nach dieser Wanderung ist nichts besser, als sich mit kalten, trüben Flusswasser zu übergießen!

Nachdem am zweiten Tag auf der abendlichen Bootsfahrt unser Motor schlapp machte und auch eine ad-hoc-Reparatur durch den rübergesprungenen Kapitän des zweiten Bootes nichts brachte, trieben wir eine Weile ohne Motorlärm und ohne Abgase den Fluss hinunter. Auch eine sehr schöne Erfahrung. Ein herantelefoniertes Ersatzboot, auf welches wir dann auf dem Fluss umsteigen mussten, brachte uns dann noch an einige schöne Ecken, bevor der Himmel sich zuzog und es schließlich losregnete. Der für später angesetzte Nightwalk durchs nahe Unterholz sah plötzlich bei dem Regen deutlich unattraktiver aus, aber es fanden sich dann doch einige Leute, die sich das nicht entgehen lassen wollten. Diesmal waren wir also zusätzlich auch noch regendicht angezogen, um sich durch den tropfenden Wald zu quetschen, über matschiges Laub, unter tief hängenden nassen Blättern und über kleine überschwemmte Stellen. Währenddessen leuchteten wir mit unseren Taschenlampen, um die vielen Reflektionen von Spinnenaugen auf Bäumen und dem Untergrund zu sehen und zu schauen, ob man die eine oder andere finden konnte. Vor allem unser Guide war ein großer Spinnen- und Froschfreund und hat uns begeistert immer wieder neue Funde gezeigt. Auch diverse Hundert- und Tausendfüßler, Käfer, Kakerlaken und Würmer wurden enthusiastisch entdeckt. Ein grüner Vogel mit rotem Bauch schlief auf einem Ast, Frösche saßen auf Blättern, einige Schmetterlinge attackierten uns, eine sehr große Springspinne hüpfte durch die Gegend und zwei Zibetkatzen streunten durchs Unterholz. Es war fast ein wenig romantisch, von hunderten Augen angestarrt, komplett orientierungslos durch den Wald zu streifen, nur um klatschnass von Regen und Schweiß am anderen Ende wieder herauszukommen. Wer braucht schon Duschen und Klimaanlagen, pah!

Nach drei unvergesslichen Tagen (zwei Nächten) im Camp ging es dann auf umgekehrten Weg wieder nach Sepilok und schließlich Sandakan, wo wir jetzt in einem niegelnagelneuem Appartmentblock (mit Seeblick, Concierge und Schrankenwärter an der Einfahrt) im klimatisierten 11. Stock sitzen, die warme und mückenfreie Dusche genießen und auf dem Sofa Netflix gucken, während die Waschmaschine unsere immer noch nasse und stinkende Schmutzwäsche duftig rein wäscht.

Als allerletzte Krönung zu den vielen (teilweise seltenen) Tieren, die wir sehen konnten, haben wir auf dem Rückweg auch noch einen einzelnen, großen Orang Utan hoch oben auf einem Baum neben dem Fluss sehen können. Auch das gehört noch zu den nicht ganz alltäglichen Dingen hier. Wirklich ein Highlight zusätzlich zu den unglaublich vielen Dingen, die wir hier sehen konnten!


Kommentare (4)

  1. Olli:
    2024-08-05 um 20:32

    Unglaublich! Toll!

  2. sister:
    2024-08-05 um 22:42

    Irgendwie muss ich immer an Tim und Struppi denken. Filmtipp: Wildcat (2022)

  3. AWW:
    2024-08-05 um 23:45

    Es macht so einen Spaß, das alles zu lesen, während man frisch geduscht im mücken- und hoffentlich spinnenfreien Zimmer mit Tür im Bett liegt

  4. AWW:
    2024-08-05 um 23:50

    Ach ja, @sister: Du bist die tollste Skorpionanmalerin ever :-)


Kommentieren

Dieser Thread wurde geschlossen.


Stand With Ukraine. Stop Putin. Stop War.